Projekt

Abstract

Während der NS-Zeit verfolgte Frauen konnten durch eine Scheinehe mit einem Ausländer in Exilländer aus- und weiterreisen bzw. ihnen dort zu einem legalen Aufenthalt oder neuer Staatsangehörigkeit verhelfen.
Bislang wurde diese spezifisch weibliche Strategie der Flucht und des Widerstands gegen das NS-Regime noch nicht wissenschaftlich untersucht. Sie wurde daher mit zahlreichen Fällen belegt und in die Exil- und Holocaustforschung eingeschrieben.


Projektbeschreibung

Als Scheinehe wird die Ehe einer in der NS-Zeit verfolgten Frau und einem Ausländer verstanden, wobei ihr vorrangiges Ziel zum Zeitpunkt der Eheschliessung darin bestand, einen der folgenden Vorteile zu erlangen: Aus- oder Weiterreise in Exilländer sowie dort Aufenthalt und Zugang zum Arbeitsmarkt für sich oder ev. Vorteile für ihr(e) Kind(er) zu erlangen, Schutz vor Staatenlosigkeit im Fall der Aberkennung der Staatsangehörigkeit oder Schutz vor Zurückschiebung ins 'Deutsche Reich'.
Durch meine Recherchen in Fachliteratur, (Auto-)biographien und Interviews sowie durch Hinweise von KollegInnen und bei Konferenzen innerhalb der letzten drei Jahre konnte ich über hundert Scheinehen zusammen tragen. Ausgehend von den mir bekannten Fällen konnte ich folgende Zielländer bzw. Länder, in denen für den weiteren Aufenthalt, die Staatsbürgerschaft oder die Verhinderung der Abschiebung geheiratet wurde, eruieren: zahlreiche Länder Europas wie England, Frankreich, Italien, Jugoslawien, Tschechoslowakei, Bulgarien, Niederlande, Norwegen, Schweden, Schweiz, aber auch außerhalb Europas wie USA, Ägypten und Palästina.

Die Fluchtoption mittels einer Schutzehe mit Ausländern konnten nur Frauen nutzen, da sie aufgrund der patriarchal geprägten Staatsbürgerschaftsregelung als Ehefrauen automatisch die Staatsbürgerschaft ihres Mannes erhielten.
Bei den bisherigen Funden handelte es sich mehrheitlich um als ‚jüdisch‘ definierte Frauen. Die Zugehörigkeit zu gesellschaftlichen Eliten scheint auf den ersten Blick Voraussetzung für das Eingehen eine Scheinehe, da internationale Kontakte und finanzielle Absicherung notwendig waren. Es wurden jedoch auch Ehen innerhalb politischer Netzwerke geschlossen wurden, anhand derer u.a. klassenspezifische Differenzen sichtbar gemacht werden können.


Forschungsfragen und -ansaetze

Das transnational angelegte Forschungsprojekt wird folgende Fragestellungen auf der strukturellen und individuellen Ebene untersuchen:

* Für den ersten Fragenkomplex nach den Rahmenbedingungen im NS-Reich und in den Exilländern werden die gesetzlichen Regulierungen von Ehe und Staatsbürgerschaft beleuchtet, sowohl die Entstehung und Formulierung der Gesetzgebung, als auch die Rechtspraxis. Es wird untersucht, welche (staatlichen) Akteure oder Netzwerke das Eingehen einer Scheinehe unterbinden oder befördern konnten.

* Der Frage nach der Bedeutung von Scheinehen als Strategie des Entkommens vor dem Nationalsozialismus widmet sich der zweite Fragenkomplex, der dieses Themenfeld mittels individueller Biographien behandelt. Die Forschungsarbeit will einerseits vom NS-Regime Verfolgte als aktive AkteurInnen sichtbar machen, die ihre Netzwerke zu nutzen verstanden, um eine Scheinehe einzugehen, andererseits ihre Ehepartner und deren Motive, welche vermutlich von sozialem und politischem Engagement, Freundschaft, Gefälligkeit bis zu finanziellen Gründen reichten. Welchen Unterschied machte es, wenn die Ehe für Geld eingegangen wurde? Wie wichtig war die sexuelle Orientierung der EhepartnerInnen? Welche Dynamiken konnten sich aus geschlechtsspezifischer Sicht ergeben?
Es werden auch die begünstigenden Faktoren einbezogen, wie politische und soziale Netzwerke, die sich u.a. mit Fluchthilfe beschäftigten. Wie waren sie bei der Organisation von Scheinehen organisiert und wie konnten sie Restriktionen umgehen?

Durch das Zusammenführen der strukturellen und individuellen Ebene sollen sowohl die Rahmenbedingungen als auch die einzelnen Schutzehen sichtbar gemacht werden.

Die Daten werden mithilfe intersektioneller Ansätze interpretiert: So können Differenzen und Zusammenhänge innerhalb der für diese Untersuchung gewählten Kategorien Geschlecht, Klasse, sexuelle Orientierung, (zugeschriebener) Religionszugehörigkeit und Nationalität/Ethnizität, als auch die Verhältnisse zwischen den Strukturkategorien in zeitgeschichtlicher Perspektive bearbeitet werden.


Methoden

Scheinehe-Datenbank
Die bereits gefundenen 100 Fälle wurden mit zahlreichen Paramentern in eine Datenbank eingetragen, welche vielfältige Auswertungen erlaubt. Es handelt sich dabei großteils Personen, über die Biographien verfasst wurden, oder die eine Autobiographie oder andere Medien hinterliessen, die auf ihre Lebensgeschichte verweisen.

Quantitative Erhebungen und Auswertung der Eheschließungen 1938-1939
Die Trauungsbücher 1938 der IKG Wien, in denen alle Eheschließungen von Juden und Jüdinnen ersichtlich sind, wurden 2014 statistisch ausgewertet. Diese quantitative Methoden wurden herangezogen, um einen Einblick in das Heiratsverhalten der jüdischen Gemeinde in der ersten Jahreshälfte 1938 in Wien zu bekommen. 

Biographieforschung
Sowohl den bekannten Scheinehen sowie den „verdächtigen“ Ehen mit Ausländern wurde 2015 mittels Biographieforschung und Recherche in der jüdischen Gemeinde nachgegangen werden, also mit qualitativen Methoden sozialwissenschaftlicher Biographieforschung vertieft. 2016 lag der Schwerpunkt auf ausgewählten Fällen von Scheinehen Wiener Jüdinnen nach Großbritannien.

Diese Methodentriangulation soll dazu beitragen, ein möglichst umfassendes Bild der Scheineheschließenden und ihrem Umfeld zeichnen zu können.


Finanzierung

Der erste Teil des Projekts wurde 2014 vom Zukunftsfonds der Republik Österreich finanziert (quantitative Erhebung aller 1938 in der Wiener Kultusgemeinde geschlossenen Ehen von Juden und Jüdinnen).
2015 wurde mit Unterstützung des Nationalfonds der Schwerpunkt Biographieforschung vertieft. Die Reisekosten für die Recherche in Großbritannien trug das IWK - Institut für Wissenschaft und Kunst. 
Recherchen zu Scheinehen Wiener Jüdinnen nach Großbritannien und der Besuch von Nachkommen ausgewählter Fällensowie Recherchen in den National Archives in London wurde 2016 durch die Hochschuljubiläumsstiftung der Stadt Wien finanziert.

Das Forschungsprojekt wurde durch folgende Fördergeber finanziert:
2014: Zukunftsfonds der Republik Österreich
2015: Nationalfonds der Republik Österreich, Edith Saurer Stipendium
2016: Hochschuljubiläumsstiftung der Stadt Wien